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Vom Abschluss zum Anschluss: Warum Bildungswege nicht mehr geradeaus verlaufen (und was das für Schulen bedeutet)

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Inhalt

Wenn ich Menschen begegne, die sich beruflich neu orientieren, höre ich fast immer zuerst denselben Satz: „Eigentlich ist es ja zu spät.“ Eine Frau Mitte vierzig, die nach vielen Jahren in der Verwaltung in die pädagogische Arbeit wechseln möchte. Ein gelernter Einzelhändler, der gemerkt hat, dass er im Umgang mit Kindern aufblüht. Eine Mitarbeiterin, die ihre Arbeit längst beherrscht, aber nie ein Papier dafür bekommen hat.

Sie alle tragen dieselbe Überzeugung mit sich: Sobald man den ersten Weg eingeschlagen hat, sei der Zug abgefahren. Diese Überzeugung sitzt tief. Und sie stimmt immer weniger.

Milena Pflügl, Gründerin und Geschäftsführerin der SIS Social Impact School Foto: Katja Inderka
Autorin des Beitrags

Milena Pflügl

Gründerin und Geschäftsführerin der Social Impact School (SIS)

Milena Pflügl ist Gründerin und Geschäftsführerin der SIS Social Impact School, die deutschlandweit Menschen für pädagogische und soziale Berufe qualifiziert. Zudem ist sie Vorständin im Didacta Verband.

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Der gerade Weg ist zur Ausnahme geworden

Jahrzehntelang galt ein einfaches Versprechen: Schulabschluss, dann Ausbildung oder Studium, dann ein Beruf – möglichst bis zur Rente. Auf genau diese Linie haben wir junge Menschen in der Orientierungsphase vorbereitet, als ginge es um eine einzige, unumkehrbare Weichenstellung.
Doch die Arbeitswelt verändert sich heute schneller, als ein Lebenslauf es abbilden kann. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz lassen Tätigkeiten entstehen und verschwinden, oft innerhalb weniger Jahre. Wer einmal etwas gelernt hat, wird das selten ein Leben lang unverändert tun. Umorientierung ist nicht das Scheitern eines Plans. Sie ist zum Normalfall geworden.

Stellen bleiben unbesetzt. Nicht, weil niemand arbeiten wollte, sondern weil die Wege hinein zu eng sind.

Was das für die Orientierung junger Menschen heißt

Für Schulen steckt darin eine pädagogische Aufgabe. Wenn wir Jugendlichen vermitteln, dass mit dem Abschluss alles entschieden ist, erzeugen wir vor allem Druck – und Angst vor dem vermeintlich falschen Weg.

Ehrlicher und zugleich entlastender ist eine andere Botschaft: Der Abschluss öffnet eine Tür, er verriegelt nicht die anderen. Entscheidend ist nicht, mit sechzehn die perfekte Wahl zu treffen, sondern die Fähigkeit, dazuzulernen und die Richtung bei Bedarf zu korrigieren. Orientierung ist damit keine einmalige Phase mehr, die man hinter sich bringt. Sie wird zur Daueraufgabe – für Schülerinnen und Schüler ebenso wie für Erwachsene mitten im Berufsleben.

Die Schule mitten im Fachkräftemangel

Wie wahr das ist, erleben Schulen gerade am eigenen Leib. Es fehlt an Lehrkräften, an Schulbegleitung – also an Personen, die einzelne Kinder im Unterricht unterstützen – und an pädagogischer Assistenz für multiprofessionelle Teams. Stellen bleiben unbesetzt. Nicht, weil niemand arbeiten wollte, sondern weil die Wege hinein zu eng sind.

Gerade hier zeigt sich der Wert nicht-linearer Lebensläufe. Wer über eine Umschulung oder einen Quereinstieg in die pädagogische Arbeit kommt, bringt oft mit, was sich nicht ausbilden lässt: Lebenserfahrung, Geduld, einen zweiten Blick auf Kinder, die anecken. Geförderte Qualifizierungen, etwa über den Bildungsgutschein der Agentur für Arbeit. machen solche Wechsel überhaupt erst möglich.

Wussten Sie schon?

In mehreren Bundesländern stammt inzwischen ein erheblicher Teil der neu eingestellten Lehrkräfte aus dem Seiten- oder Quereinstieg – in einzelnen Ländern zeitweise mehr als ein Drittel, in Sachsen-Anhalt sogar über 50 Prozent.

Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung / Deutsches Schulportal

Ich erlebe immer wieder, welchen Unterschied gute Vorbereitung dabei macht. Wer über einen Quereinstieg kommt und eine fundierte Qualifizierung in der Hand hat, geht sehr viel sicherer in die neue Aufgabe als jemand, der unvorbereitet startet. Diese Sicherheit merkt man vom ersten Tag an – im Umgang mit den Kindern, im Team und in der eigenen Haltung.
Und ich bin überzeugt: Wenn wir solche Qualifizierungswege sichtbar machen, erreichen wir genau die Menschen, die es können und wollen, denen aber bisher schlicht der Zugang gefehlt hat.

Kompetenzen als Schlüssel und ihre Grenzen

Damit das gelingt, muss sich der Blick verschieben: weg vom Zertifikat auf dem Papier, hin zur tatsächlichen Kompetenz. Assessment statt Ausschluss. Hospitation, also probeweises Mitarbeiten, statt Papierkrieg. Ob jemand für die Arbeit mit Kindern geeignet ist, zeigt sich in einer Woche im Klassenzimmer oft deutlicher als in jedem Lebenslauf.

Ob jemand für die Arbeit mit Kindern geeignet ist, zeigt sich in einer Woche im Klassenzimmer oft deutlicher als in jedem Lebenslauf.

Zur Ehrlichkeit gehört aber auch die Grenze: Ein Quereinstieg ersetzt kein Studium und keine grundständige Ausbildung. Seriöse Qualifizierung braucht Zeit und Substanz. Das schnelle Versprechen „in wenigen Wochen zur Fachkraft“ hält keiner Realität stand. Der Schlüssel liegt nicht darin, Standards zu senken, sondern faire, andere Wege zu ihnen zu öffnen.

Fazit: Bildung denkt in Wegen, nicht in Linien

Für Schulträger und Schulen liegt darin eine doppelte Chance. Wir können jungen Menschen einen ehrlicheren Umgang mit ihrer eigenen Orientierung mitgeben und zugleich die Türen weiter öffnen für jene, die später, auf Umwegen, in unsere Schulen kommen wollen.
Ich wünsche mir Schulen, die genau diese Menschen nicht als Notlösung begreifen, sondern als Gewinn und Bildungswege, die in beide Richtungen offen sind.
Eine zukunftsfähige Schule braucht moderne Ausstattung. Vor allem aber braucht sie Menschen, die sie tragen. Und die kommen immer öfter nicht geradeaus, sondern quer.

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