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Wenn Sprache zur Hürde wird: Wie digitale Endgeräte im sprachsensiblen Unterricht helfen können

Schülerin nutzt im Unterricht ein Tablet und wählt die Übersetzungsfunktion für einen markierten Begriff aus.

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Inhalt

Eine Textaufgabe in Mathematik verstehen, einen Versuch in Biologie beschreiben oder eine Quelle im Geschichtsunterricht auswerten: Fachliches Lernen ist immer auch Sprachenlernen.

Das wird besonders deutlich in sprachlich stark heterogenen Klassen – was in unserem Einwanderungsland eher die Regel als die Ausnahme ist. In der Praxis zeigt sich dann: Manche Schülerinnen und Schüler lernen erst seit kurzer Zeit Deutsch, andere sprechen im Alltag bereits sicher, stoßen aber bei Fachbegriffen, komplexen Arbeitsaufträgen oder schriftlichen Erklärungen an ihre Grenzen.

Sprachförderung ist deshalb längst nicht nur eine Aufgabe des Deutsch- oder DaZ-Unterrichts. Auch der jeweilige Fachunterricht muss sprachliche Anforderungen mitdenken. Digitale Endgeräte und passende Tools können dabei helfen – nicht, weil Unterricht durch ein Tablet automatisch besser wird, sondern weil Unterstützung damit genau dann verfügbar sein kann, wenn sie individuell gebraucht wird.

Caro Aschemeier, Gründerin und Geschäftsführerin von Deutschfuchs
Autorin des Beitrags

Caro Aschemeier

Gründerin und Geschäftsführerin von Deutschfuchs

Caro Aschemeier ist Gründerin und Geschäftsführerin von Deutschfuchs, einer digitalen Lernplattform für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache sowie individuelle Sprachförderung. Die ehemalige Fremdsprachenlehrerin beschäftigt sich insbesondere mit digitaler Bildung und sprachlicher Förderung und engagiert sich zudem im Didacta Verband.

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Gleicher Lerngegenstand, unterschiedliche Unterstützung

Eine der größten Herausforderungen für Lehrkräfte ist häufig die Heterogenität der Lernenden. Während ein Schüler einen Fachtext problemlos versteht, benötigt eine andere Schülerin zusätzliche Erklärungen, ein Bild oder Unterstützung bei einzelnen Begriffen – was übrigens unabhängig davon ist, ob er oder sie mit mehr als einer Sprache aufwächst oder nicht. Auf einem Arbeitsblatt lässt sich das nur begrenzt auffangen.

Digitale Materialien können dagegen verschiedene Hilfen gezielt miteinander verbinden. Ein Text kann beispielsweise vorgelesen werden. Fachbegriffe lassen sich mit Bildern, einfachen Erklärungen oder Übersetzungen verknüpfen. Ein Audio kann, mit passendem Zubehör wie Kopfhörern auch im Unterricht, beliebig oft angehört werden. Lernende können eine Aufgabe wiederholen oder zunächst mit zusätzlichen Hilfen bearbeiten.

Das Entscheidende: Alle können am gleichen Thema arbeiten, ohne zwingend auf dieselbe Weise dorthin gelangen zu müssen. Ein persönliches Tablet oder Notebook wird damit zu einem wichtigen Werkzeug für Differenzierung.

Lehrerin nutzt ein Tablet zur Vorbereitung differenzierter und sprachsensibler Unterrichtsmaterialien.

Sprachliche Gerüste bauen

Im sprachsensiblen Fachunterricht wird häufig mit sogenannten Scaffolds gearbeitet – also sprachlichen Gerüsten, die Lernenden helfen, anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen. Statt zum Beispiel nur zu sagen: „Beschreibe den Wasserkreislauf“, können beispielsweise Fachbegriffe, Satzanfänge oder Formulierungshilfen bereitgestellt werden, die typisch für eine bestimmte Textsorte sind:

„Zuerst …“

„Anschließend …“
„Durch … entsteht …“

„Wenn …, dann …“

Je sicherer Lernende werden, desto weniger Unterstützung benötigen sie.

Der Mehrsprachigkeitsforscher Prof. Dr. Till Woerfel von der Pädagogischen Hochschule Zürich weist darauf hin¹, dass es dabei nicht den einen sprachsensiblen Unterricht gibt, sondern unterschiedliche didaktische Ansätze, mit denen Lesen, Schreiben, Zuhören oder Sprechen gefördert werden können. Die Forschung zeige zudem, dass sprachsensible Ansätze wie das oben beschriebene Scaffolding nicht nur das sprachliche, sondern auch das fachliche Lernen nachweislich verbessern. Entscheidend dafür sei, dass sich Fachlehrkräfte entsprechende didaktische Kompetenzen aneignen.

Digital lassen sich solche Hilfen besonders flexibel bereitstellen. Manche Lernende benötigen vielleicht nur eine einzelne Worterklärung, andere zusätzlich eine Übersetzung, ein Beispiel oder einen Satzanfang. Die Unterstützung kann individuell genutzt werden, ohne dass die Lehrkraft für jede Schülerin und jeden Schüler ein eigenes Arbeitsblatt erstellen muss.

1 Quelle: Vgl. Interview mit Prof. Dr. Till Woerfel zum Thema „Sprachsensibler Fachunterricht und DaZ“ im Rahmen des Projekts Fachdidaktik.inklusiv.digital, bereitgestellt vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ). Zum Interview auf Vimeo
Mehr Medien bedeuten nicht automatisch besseres Lernen. Entscheidend ist, dass Bild, Audio und Text einen klaren Zweck erfüllen (...)

Hören, sehen, lesen und sprechen

Gerade beim Sprachenlernen ist es enorm hilfreich, Informationen über verschiedene Wege aufzunehmen: Ein neues Wort kann gleichzeitig gehört, gelesen und auf einem Bild gesehen werden. Ein Dialog lässt sich zunächst anhören und anschließend mitlesen. Lernende können eine Formulierung nachsprechen, sich selbst aufnehmen und vergleichen.

Digitale Endgeräte bündeln dafür viele Funktionen auf einem Gerät: Bildschirm, Audio, Kamera, Mikrofon, Aufnahmefunktion und interaktive Übungen. Das ist insbesondere für Lernende hilfreich, die noch Schwierigkeiten mit längeren und sprachlich komplexeren Texten haben oder erst dabei sind, ihre Lese- und Schreibkompetenz im Deutschen aufzubauen.

Wichtig bleibt: Mehr Medien bedeuten nicht automatisch besseres Lernen. Entscheidend ist, dass Bild, Audio und Text einen klaren Zweck erfüllen und nicht einfach nur zusätzlich eingeblendet werden.

 

Mehrsprachigkeit sinnvoll nutzen

Auch die anderen Sprachen der Lernenden können beim Verstehen helfen und sollten von Lehrkräften als wertvolles Potenzial betrachtet werden. Wer ein Konzept bereits in seiner Erstsprache kennt, muss nicht das gesamte Wissen neu erwerben, sondern zunächst die passenden deutschen Begriffe und sprachlichen Strukturen dazu kennenlernen. Digitale Werkzeuge können diesen Übergang erleichtern. Ein Fachbegriff lässt sich übersetzen, ein schwieriger Abschnitt zunächst in einer vertrauten Sprache erschließen, ein Wort in mehreren Sprachen vergleichen.

Das bedeutet nicht, dass Übersetzungsprogramme den Deutschunterricht ersetzen sollten. Sie können aber eine Brücke bilden. Gerade in Klassen mit vielen unterschiedlichen Herkunftssprachen hat das einen praktischen Vorteil: Lehrkräfte müssen nicht jede Sprache selbst beherrschen, um vorhandene Sprachkenntnisse als Ressource nutzen zu können.

Interessant werden digitale Lernsysteme vor allem dann, wenn sie nicht allen Lernenden dauerhaft dieselben Aufgaben präsentieren.

Üben, ohne ständig auf die Korrektur zu warten

Ein weiterer Vorteil digitaler Lernsoftware liegt im direkten Feedback. Bei geeigneten Aufgaben erfahren Lernende unmittelbar, ob eine Antwort richtig war. Sie können eine Übung erneut bearbeiten, Fehler korrigieren, Inhalte wiederholen – und das so lange, bis sie sich sicher in der Anwendung fühlen. Das ist insbesondere beim Wortschatz, bei grammatischen Strukturen oder beim Lese- und Hörverstehen hilfreich.

Für Lehrkräfte kann gleichzeitig sichtbar werden, wo Schwierigkeiten häufiger auftreten. Wenn mehrere Lernende immer wieder an derselben Struktur scheitern, ist das ein Hinweis für die weitere Unterrichtsplanung, wohingegen einzelne Lernende mit konkreten Schwierigkeiten ganz gezielt gefördert werden können.

Digitale Systeme ersetzen dabei nicht die pädagogische Rückmeldung. Sie können aber Routinekorrekturen übernehmen und der Lehrkraft mehr Zeit für Aufgaben geben, die sich nicht automatisieren lassen: Gespräche führen, Texte gemeinsam besprechen, individuelle Rückmeldung geben oder komplexe Zusammenhänge erklären.

Vom Üben zur individuellen Förderung

Interessant werden digitale Lernsysteme vor allem dann, wenn sie nicht allen Lernenden dauerhaft dieselben Aufgaben präsentieren. Je nach Lernstand können unterschiedliche Übungen, Hilfen oder Wiederholungen angeboten werden. Wer einen Inhalt bereits beherrscht, arbeitet weiter. Wer noch Schwierigkeiten hat, bekommt zusätzliche Unterstützung.

In der Bildungsforschung und -praxis wird in diesem Zusammenhang zunehmend über intelligente, adaptive Systeme gesprochen. Prof. Dr. Till Woerfel betont dabei allerdings, dass solche Systeme nicht allein technisch entwickelt werden sollten, sondern in Zusammenarbeit von Wissenschaft, Fachdidaktik, Schulen, Lehrkräften und EdTech-Anbietern. Das ist ein wichtiger Punkt: Gute digitale Sprachförderung entsteht nicht dadurch, dass möglichst viel automatisiert wird. Sie entsteht nur dann, wenn Technik auf einem wirksamen didaktischen Konzept aufbaut und entsprechend im Unterricht „orchestriert“ wird.

Denn sprachliche Hürden entstehen selten zu einem festen, planbaren Zeitpunkt.

Warum persönliche Endgeräte einen Unterschied machen

Viele dieser Möglichkeiten funktionieren besonders gut, wenn Schülerinnen und Schüler selbst auf ein digitales Gerät zugreifen können. Denn sprachliche Hürden entstehen selten zu einem festen, planbaren Zeitpunkt. Sie entstehen spontan während des Lesens eines Textes, beim Bearbeiten einer Aufgabe oder beim Formulieren einer Antwort.

Genau dann können Lernende beispielsweise einen Begriff nachschlagen, einen Satz noch einmal anhören, eine Übersetzung aufrufen, eine Formulierungshilfe nutzen, einen Text vorlesen lassen, eine Aufgabe beliebig oft wiederholen, eine eigene Antwort aufnehmen oder zusätzliche Übungen bearbeiten.

Ein persönliches Endgerät ermöglicht damit etwas, das im Unterricht sonst nur schwer für viele Lernende zur selben Zeit zu organisieren ist: individuelle Unterstützung innerhalb eines gemeinsamen Lernprozesses.

Technik ersetzt keine Kommunikation

Trotzdem darf Sprachunterricht nicht zu reinem Bildschirmunterricht werden, denn Sprache beginnt dort zu leben, wo Menschen miteinander in Beziehung treten und miteinander kommunizieren. Gespräche, Partnerarbeit, Diskussionen, Rollenspiele, Präsentationen und gemeinsames Problemlösen bleiben daher unverzichtbar.

Aber: Digitale Lernphasen können diese Kommunikation vorbereiten. Wer erst Wortschatz und Redemittel übt, kann anschließend sicherer an einem Gespräch teilnehmen. Wer einen Fachtext mit sprachlichen Hilfen erschließt, kann danach besser über dessen Inhalt diskutieren. Auf diese Weise ergänzen sich digitale und analoge Lernformen optimal.

Fazit: Nicht mehr Bildschirmzeit, sondern weniger Barrieren

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Unterricht analog oder digital sein soll, sondern: Welche Unterstützung brauchen Lernende in einer ganz konkreten Situation? Manchmal braucht es ein Gespräch mit der Lehrkraft. Manchmal hilft ein Bild an der Tafel oder ein kleiner Spickzettel. Und manchmal ist ein Tablet oder Notebook das passende Werkzeug, weil darüber genau die Unterstützung verfügbar ist, die eine Schülerin oder ein Schüler gerade benötigt.

Digitale Endgeräte verbessern Unterricht nicht automatisch. Richtig eingesetzt können sie aber dazu beitragen, dass mehr Schülerinnen und Schüler die Inhalte auch wirklich verstehen, mitarbeiten und ihre Fähigkeiten zeigen können. Und genau darin liegt ihr besonderer Wert für Sprachförderung und sprachsensiblen Unterricht.

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