Ein ehemaliger Lehrer über Wertschätzung, Vertrauen und die Stimmen aus der pädagogischen Praxis.
Bildung ist in aller Munde. So wie es beim Fußball Millionen Trainer gibt, gibt es Millionen Lehrerinnen und Lehrer. Jeder kennt ein wenig vom System, jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Leider sind diese in Deutschland oftmals sehr negativ behaftet. Die meisten Geschichten von früher oder aus dem Alltag der eigenen Kinder haben die Tendenz, eher schlecht über Schule zu reden.
Selbst die Boulevardpresse liebt die Geschichten des Scheiterns und der Verfehlungen unserer Schulen. Warum eigentlich? Ich bin weder Soziologe noch Psychologe, aber es ist schon sehr deutsch, Dinge schlecht zu reden. Das reicht mir aber nicht als Erklärung, zumal ich beobachte, dass strukturelle Probleme eines sicherlich defizitären Systems natürlich viel spannender erzählt werden können, wenn man den Menschen in den Vordergrund stellt. Mir tut das als ehemaliger Lehrer weh, denn ich weiß, dass es eben diese Menschen sind, die dieses System seit vielen Jahren durch ihr Engagement am Laufen halten.

Andreas Hofmann
Geschäftsführer von mobile.schule
Andreas Hofmann war 15 Jahre lang Lehrkraft an der Waldschule Hatten, bevor er mobile.schule gründete. Heute unterstützt er mit seinem Team Kollegien, Schulen und Bildungsakteure dabei, sich im Bereich Digitalität, zeitgemäßer Unterricht und digitale Transformation fort- und weiterzubilden.
Profil bei mobile.schule ansehenEine Stimme für die Lehrkräfte
Das Problem liegt viel mehr darin, dass wir als Lehrkräfte (ok, ich war es 20 Jahre, bin es eigentlich gar nicht mehr) auf der einen Seite weder eine Stimme erhalten noch eine Stimme einfordern. Bei Podiumsdiskussionen oder Talkshows sitzen mehr Vertreter der Wirtschaft, von Stiftungen oder aus der Politik als Pädagoginnen selbst. Man spricht ÜBER Lehrkräfte, selten mit ihnen. Gleiches gilt für sogenannte „Bildungs-Influencer“: Gestern noch Experte für KI, heute schon Experte für Gesunderhaltung. Und ich sage es, wie ich es denke… es ist das selbe Gerede, seit 20 Jahren, nur die Gesichter werden ausgetauscht. Es braucht keine Sprachrohre, es braucht viele laute Stimmen. Wo sind denn die Stimmen der wahren Expertinnen? Wann sprechen wir über die Pädagogik, über das Lernen und Lehren? Warum wird so selten auf die Fachexpertise aus der Praxis gehört und darauf aufgebaut?
Ich denke, es liegt zum Einen daran, dass man als Lehrkraft eines nicht lernt: Marketing. Und zum Anderen lernt man schnell kennen, dass die allgemeine Stimmung eher negativ behaftet ist und man besser im Hintergrund bleibt.
Mut zu mehr Selbstbewusstsein und Wertschätzung für den Lehr-Beruf
„Eier, wir brauchen Eier!“, sagte einst Oliver Kahn und hat Recht. Pädagoginnen und Pädagogen in Deutschland leisten fantastische Arbeit in einem wenig zeitgemäßen System. Sie hätten das Recht dazu, mit mehr Selbstbewusstsein ihren Beruf zu verteidigen und ihre Leistungen hervorzuheben. Dafür benötigen sie aber Bühnen und Orte, an denen ihre Arbeit gewürdigt werden kann.
Ich bin dreifacher Papa und gebe meine Kinder in die Hände fremder Menschen. Das tat ich bislang gerne, auch wenn ich sicherlich nicht mit jeder Lehrkraft übereinstimme. Ich schenke das Vertrauen und glaube an die Kompetenzen der Personen, auch wenn ich weiß, dass das Bildungssystem im Kern komplett veraltet ist und mit der Lebenswelt unserer Kinder und der Berufswelt nichts mehr zu tun hat.
Lasst uns nicht nur meckern und mit dem Finger auf die zeigen, die in dem System arbeiten. Lasst uns anerkennen, dass es ein fantastischer und verantwortungsvoller Beruf ist, den wir wertschätzen sollten.











